Wir gehen wieder auf die Straßen Marzahns, in einen Bezirk, der allzu oft nur durch Stereotype wahrgenommen wird, und wollen den Blick auf das richten, was im Alltag wirklich zählt. Sichtbarkeit – das ist das Recht, jeden Tag Teil der Gesellschaft zu sein: in der Familie, in der Schule, bei der Arbeit, im Arztzimmer, bei der Migrationsbehörde. Es bedeutet, queer zu sein in jeder Stadt, in jedem Bezirk – in unterschiedlichen Räumen und Gemeinschaften.
„In Berlin ist alles gut“ – aber nicht für diejenigen, die ihrer Familie, ihren Angehörigen oder Freund*innen nicht sagen können, wer sie sind. Nicht für diejenigen, deren Nahestehende in Ländern geblieben sind, in denen es bedeutet, als queerer Mensch strafrechtlich verfolgt zu werden, gesellschaftlich geächtet zu sein oder in ständiger Angst um die eigene Sicherheit zu leben.
Sichtbarkeit bedeutet nicht „wir wurden bemerkt“
Sichtbarkeit bedeutet: „Unsere Stimmen zählen“.
Viele von uns wissen sehr gut, was ein Leben in Unsichtbarkeit bedeutet: kein Händchen halten, nicht über geliebte Menschen sprechen, nicht ehrlich antworten, nicht „zu sichtbar“ sein.
Für viele sind das nicht nur Worte, sondern eine gelebte Erfahrung. Es sind Entscheidungen, die jeden Tag getroffen werden: was man sagt, wem man es sagt und in welchem Kontext. Für Menschen, die Migration, Krieg oder autoritäre Regime erlebt haben, ist es zudem eine Frage des Überlebens.
Ein Mensch sollte nicht verschwinden müssen, um zu überleben
Echte Sicherheit bedeutet nicht, dass wir gelernt haben, uns zu verstecken. Echte Sicherheit bedeutet, sichtbar sein zu können, ohne zur Zielscheibe zu werden. Dass das Recht auf Würde nicht davon abhängt, wie bequem es der Gesellschaft ist, uns zu akzeptieren.
Es ist nicht zu übersehen, wie jedes Jahr rechtsextreme Tendenzen in der Gesellschaft zunehmen, wie die Unterstützung für zivilgesellschaftliche Initiativen und unabhängige NGOs sinkt und wie immer mehr Menschen mit Ablehnungen beim Asylrecht und Schutzstatus konfrontiert sind.
Wir sehen die Verschlechterung der Lage von queeren Menschen in den Ländern der Östlichen Partnerschaft und Zentralasiens: in Georgien, Belarus, Kasachstan, Kirgisistan, Russland und anderen Ländern, in denen Hass Teil staatlicher Politik geworden ist.
Aber wir sehen auch etwas anderes: Trotz der Angst schließen sich Menschen weiter zusammen und unterstützen einander.
Wir rufen alle auf
Wir rufen alle auf, die unsere Werte teilen – Freiheit, Sicherheit und das Recht jedes Menschen, er selbst zu sein –, sich uns anzuschließen und gemeinsam weiterzugehen.
Sichtbarkeit ist Widerstand!